"In jedem Mann haust ein selbstzerstörerischer Teufel." (Irgendwo irgendwann gelesen)
"Weißt
du, was das Merkwürdigste am Menschen ist? Es ist nicht unsere
Fähigkeit zu lieben, zu denken oder riesige Städte zu bauen, die den
Himmel berühren. Es ist vielmehr, dass wir fast unser ganzes Leben lang
etwas verfolgen, das wir nicht einmal benennen können. Und nun, bevor
ich noch weiter abschweife, möchte ich dir eine Frage stellen – eine,
die auf den ersten Blick furchtbar einfach wirkt. Doch wenn du sie
wirklich in dich hineinsinken lässt, öffnet sie eine sehr stille Tür in
deinem Bewusstsein:
Was ist das, wonach du dein ganzes Leben lang gesucht hast, ohne dich jemals danach umzudrehen und es direkt anzusehen?
Du
musst nicht antworten. Tatsächlich kannst du es gar nicht mit dem
Verstand beantworten. Beachte nur, was in dir geschieht, sobald diese
Frage ankommt. Da entsteht eine Art Stille, nicht wahr? Eine leichte
Verschiebung in der Stille. Denn siehst du, hier liegt etwas Seltsames
und zugleich Tiefgründiges: Der Mensch ist ein Wesen der Sucht. Wir
werden abhängig von Alkohol, von Menschen, von Empfindungen, von Erfolg,
vom Herumwandern – als verstecke sich die Antwort am nächsten Bahnhof.
An der Oberfläche glauben wir, wir jagen jenem Ding hinterher: der
Flasche, dem Liebhaber, dem Gefühl, dem Sieg. Doch wenn du nur ein wenig
genauer hinsiehst – wirklich nur einen Hauch –, bemerkst du ein
schimmerndes Paradoxon:
Sucht ist nicht immer Schwäche. Manchmal ist sie ein Gebet – ein Gebet, das nur seine Richtung verloren hat.
Ja,
ein Gebet. Aber nicht die Art, die man einer Gottheit in den Wolken
zuflüstert. Ich meine die älteste Form des Gebets überhaupt: den Ruf der
Seele, die nach Hause zurückkehren möchte, dabei aber aus Versehen in
Seitenstraßen der Lust, der Reizüberflutung und Wiederholung umherirrt.
Schau
genau hin: Ein Mann trinkt, bis er vergisst, wer er ist. Ein Liebender
stürzt sich in Leidenschaft, um seinem eigenen Spiegelbild zu entkommen.
Ein Wanderer zieht von Stadt zu Stadt, ohne je zu benennen, wonach er
wirklich sucht. All diese Bewegungen – all dieses Hin- und Herlaufen,
all diese Fluchten – teilen ein geheimes Zentrum: eine tiefe Sehnsucht,
das eng beengte Gefängnis des Ichs zu verlassen.
Du siehst das,
nicht wahr? Auf einer tieferen Ebene ist Sucht der seltsame Versuch der
Menschheit, sich mit dem Unendlichen zu vereinen, indem sie sich
verzweifelt am Endlichen festklammert. Und genau deshalb misslingt sie
immer – und immer auf so schmerzhafte Weise.
Doch beeile dich
nicht, dich selbst zu verurteilen. Beeile dich nicht, überhaupt jemanden
zu beschuldigen. Denn selbst in dieser irrenden Sehnsucht steckt etwas
sehr Schönes: Es ist das Flüstern Gottes – eine Stimme, die direkt aus
deiner Leere emporsteigt. Das Problem beginnt erst, wenn diese Stimme
verzerrt wird, wie ein heiliges Lied, das durch einen gebrochenen
Lautsprecher erklingt. Du hörst noch den Rhythmus, spürst noch die
Schwingung – doch die Bedeutung geht verloren. Und so stürmst du in die
falsche Richtung.
Du meinst, du brauchst den Alkohol – doch nein: Was du wirklich ersehnst, ist die Auflösung des Selbst.
Du glaubst, du brauchst Lust – doch nein: Was du suchst, ist das Gefühl, dich im Ganzen aufzulösen.
Du denkst, du brauchst einen anderen Menschen – doch in Wahrheit suchst du den Teil deiner selbst, den du vergessen hast.
Jedes
Mal, wenn du noch einen Schluck nimmst, jedes Mal, wenn du dich erneut
in einen Ausweg stürzt, jedes Mal, wenn du denselben ruhelosen Kreislauf
der Suche wiederholst – betest du. Du hast nur vergessen, wofür du betest.
Dieses
Gefühl der Unvollständigkeit war niemals deine Schuld. Es ist die
uralte Erinnerung der Seele an Ganzheit. Hast du dich je gefragt, warum
selbst in den schönsten Momenten deines Lebens stets ein feines Gefühl
von etwas Fehlendem bleibt? Etwas Zartem, Leisem – wie ein kleines,
stilles Loch hinter deinem Lächeln?
Es
ist seltsam, nicht wahr? Du könntest verliebt sein, erfolgreich,
umgeben vom hellsten Glanz des Lebens – und plötzlich, wie ein fremder
Windhauch in deinem Bewusstsein, fühlst du dich nicht ganz vollständig. Nicht traurig, nicht zerstört, nicht gebrochen – nur eben nicht ganz komplett.
Und
wenn du es wagst, lange genug in diese kleine Lücke zu blicken,
entdeckst du ein merkwürdiges Paradoxon: Wir fühlen uns nicht
unvollständig, weil uns etwas fehlt. Wir fühlen uns unvollständig, weil wir – auf unaussprechliche Weise – uns erinnern, ganz gewesen zu sein.
Wie ein Wassertropfen, der sich an das Meer erinnert, selbst nachdem er zum Regen geworden ist, der über den Himmel wandert.
Wie ein erwachsenes Kind, das plötzlich den Duft der Muttermilch wiedererkennt.
Wie ein Reisender, der seine Heimat nicht benennen kann – sie aber sofort erkennt, sobald ein Windhauch ihren Geruch trägt.
Siehst du? Wir suchen nicht nach etwas, das wir nie hatten. Wir suchen nach etwas, das wir bereits waren.
In einer Zeit, so uralt – älter als Erinnerung, älter als DNA, älter als
alles, worüber deine Geschichtsbücher sprechen – gab es einen Zustand,
den deine Seele einst kannte: Eine Einheit, eine Stille, unberührt von
Trennung oder Zeit. Ein Zustand jenseits von Worten – so wie die Süße
des Honigs niemandem vollständig beschrieben werden kann, der ihn nie
geschmeckt hat.
Doch du erinnerst dich nicht mit dem Verstand,
sondern mit der Seele. Und sobald diese Erinnerung aus der Tiefe
aufsteigt, beginnen wir, sie überall zu suchen – in jeder Richtung, die
uns einfällt.
Du wendest dich der Philosophie zu. Du greifst nach
Religion. Du jagst dem Rausch der Lust hinterher. Du versuchst, eine
Person zu lieben, dann eine andere, dann wieder eine andere. Doch das,
wonach du suchst, ist in keiner Person, keiner Lehre, keinem Getränk und
keinem ekstatischen Gipfel zu finden.
Du suchst die Stille, die existierte, bevor Irgendetwas begann.
Du
suchst die Ganzheit, die du zu verlieren schienst, sobald du in einen
Namen, einen Körper und eine Rolle hineingeboren wurdest – eine Rolle,
die dir die Gesellschaft wie ein Kostüm überreichte.
Und hier
liegt das entzückende Paradoxon im Herzen dieser ganzen Suche: Wir
suchen nach außen, weil wir vergessen haben, nach innen zu schauen –
doch wir verlieren uns draußen, damit wir zurückgeführt werden können –
hierher, nach innen. Es ist ein großer Kreis. Du denkst, du seist weit
fortgegangen – nur um zu entdecken, dass du die ganze Zeit zurück zum
Ausgangspunkt gewandert bist.
Doch etwas noch Feineres geschieht:
Je mehr wir versuchen, Ganzheit durch greifbare Dinge zu ergreifen –
Bücher, Empfindungen, Menschen –, desto enttäuschter fühlen wir uns.
Nicht, weil diese Dinge falsch wären, sondern weil sie lediglich Wegweiser sind – nicht das Ziel selbst.
Was wir wirklich suchen, ist nicht die Lust an sich, sondern jener Moment in der Lust, in dem das Selbst verschwindet.
Nicht die Person, die wir lieben, sondern das Gefühl, in dem die Grenze zwischen „ich“ und „du“ still verschwindet.
Nicht Philosophie oder Religion, sondern jener Augenblick des Erwachens – eine Tür, die sich nach innen öffnet.
Doch wir klammern uns an den Wegweiser, statt durch die Tür hindurchzugehen.
Es
gibt ein listiges kleines Spiel, das der menschliche Verstand liebt.
Fast alle fallen früher oder später hinein: Wir verwechseln die Tür mit
dem, was jenseits der Tür liegt.
Lass es mich sanft sagen – wie Wind, der durch Blätter streicht:
Wenn du ein Glas Alkohol trinkst, begehrst du nicht wirklich Alkohol.
Wenn du der Lust hinterherjagst, begehrst du nicht wirklich Lust.
Wenn
du dieselbe Gewohnheit wiederholst – Rauchen, traurige Lieder hören,
immer wieder zu derselben Person zurückkehren – willst du diese Dinge
gar nicht. Du willst jenen Moment des Verschwindens.
Den Moment, in dem dieses kleine, müde, abwehrende Selbst, das du so viele Jahre getragen hast, endlich dahinschmilzt.
Den
Moment, in dem du nicht länger jener bist mit einer Vergangenheit,
jener, der Angst vor der Zukunft hat, jener, der sich beweisen und
durchhalten muss.
Du willst leicht sein.
Alkohol, Romantik, Lust – all diese wiederholten Erfahrungen geben dir zufällig einige Sekunden dieser Auflösung.
Hier
beginnt die sanfte Tragödie: Wir glauben, der Alkohol erschaffe diesen
Zustand. Wir glauben, die Lust sei die Quelle unserer Freiheit. Wir
glauben, die Erfahrung selbst sei der Schlüssel zur Stille. Und so
stürzen wir uns – wie jemand, der in einen See taucht, um das Mondlicht
darin zu fassen – auf den Schatten und verpassen den Himmel, der direkt
über uns hängt.
Siehst du? Niemand ist süchtig nach Alkohol. Er ist süchtig nach der winzigen Erleichterung, die der Alkohol enthüllt.
Niemand ist süchtig nach Begehren. Er ist süchtig nach jenem erweiterten Bewusstseinszustand im Moment der Verschmelzung.
Niemand ist süchtig nach Adrenalin. Er ist süchtig nach jenem einzigen Atemzug, in dem er sich absolut quicklebendig fühlt.
Wir sind nicht süchtig nach Objekten. Wir sind süchtig nach den Zuständen, die diese Objekte in uns hervorrufen.
Doch der Verstand – gleichermaßen klug wie töricht – assoziiert falsch. Er sagt: „Ah, das Glück steckt in diesem Ding.“ Und so klammert er sich fester, tiefer, blinder – hämmert mit dem Kopf gegen die Tür, statt hindurchzugehen.
Und
das Kurioseste daran: Die Tür war niemals verschlossen. Sie steht in
jedem deiner Atemzüge weit offen. Doch wir sind so verzaubert vom
Türgriff, dass wir vergessen, worum es geht: nicht, ihn festzuhalten –
sondern hindurch zu gehen.
Alkohol, Lust, Erfahrung – sie alle sind lediglich Pfeile, die den Weg weisen. Doch wir umarmen die Pfeile, statt dorthin zu gehen, wohin sie zeigen.
Das
Paradoxon lautet also: Je fester wir zupacken, desto weiter entfernen
wir uns von dem, was wir suchen. Je mehr wir loslassen, desto näher
kommen wir ihm.
Wenn du nur die geringste Aufmerksamkeit
schenkst, spürst du einen sanften Strom unter all dem: Jeder Ersatz,
jede zwanghafte Jagd, jede süchtige Schleife ist nichts anderes als ein
ungeschickter Versuch, einer Illusion zu entfliehen – der Illusion, wir
seien vom Ganzen getrennt.
Sucht ist lediglich der Versuch, dem Gefühl der Trennung zu entkommen – einem Gefühl, das niemals wirklich existierte.
Hast
du bemerkt, dass die Momente, in denen wir am meisten leiden, am
meisten in Panik geraten, uns am meisten allein fühlen, stets jene sind,
in denen wir uns getrennt fühlen? Getrennt von dem, den wir lieben.
Getrennt vom Leben. Getrennt von Sinn. Getrennt von der stillen
Heiligkeit, die jeden Atemzug durchzieht.
Nenne es Leere,
Einsamkeit, Entfremdung, Verlorensein – alles verdichtet sich zu einer
einzigen Empfindung: dem Gefühl, getrennt zu sein. Eine Illusion, so
mächtig, dass sie uns überzeugt, wir seien bloß verirrte Splitter,
hinausgeworfen in ein riesiges, gleichgültiges Universum. Und aus genau
diesem Glauben entsteht Sucht.
Sieh dich um: Wenn Menschen
trinken, wenn sie von Nervenkitzel zu Nervenkitzel jagen, wenn sie sich
in Arbeit, Essen, Romantik oder Musik verlieren – suchen sie alle
dasselbe: einen Moment der Rückkehr ins Ganze, selbst wenn er nur wenige Sekunden währt.
Jeder,
der je getrunken hat, kennt diesen winzigen Augenblick, in dem Sorge
sich auflöst, Abwehr sich lockert und das kleine Auge sich wie ein
sanfter Glanz in der Brust weitet.
Jeder, der tief geliebt hat, kennt jenen Moment, in dem die Grenze zwischen „ich“ und „du“ einfach verschwindet.
Jeder,
der den Ozean bei Sonnenuntergang beobachtet hat, kennt jenen zarten
Augenblick, in dem du vergisst, dass du derjenige bist, der das Meer
sieht. Es gibt nur noch das Meer – das "du" ist.
Und dann kehrt
natürlich das vertraute Selbst zurück: „Das hier bin ich. Das da ist die
Welt. Das ist derjenige, der mich liebt. Das ist derjenige, der mich
verlässt. Dies ist meine Seele. Das ist Gott.“ Und mit diesem Moment
steigt die Illusion der Trennung erneut auf – solide wie eine Wand – und
niemand denkt daran, sie infrage zu stellen.
Hier liegt das
Paradoxon: Wir laufen nicht vor dem Leben davon. Wir laufen vor der
Illusion davon, vom Leben getrennt zu sein. Wir haben das Ganze niemals
verlassen, niemals den Strom verlassen, niemals Gott verloren. Genauso
wie eine Welle das Meer niemals wirklich verlassen kann – egal wie hoch
sie aufsteigt –, haben wir lediglich unsere eigene Geschichte geglaubt:
„Es gibt mich – und etwas außerhalb von mir. Es gibt die Welt – und
mich, der sie beobachtet. Es gibt Gott – und mich, der ihn sucht.“
Das
ist der kosmische Witz: Bewusstsein spielt Verstecken mit sich selbst.
Und sobald wir vergessen, dass es ein Spiel ist, klammern wir uns an
alles, was uns für einige Minuten aus der Rolle hilft.
Siehst du?
Niemand, der süchtig ist, sucht wirklich nach Zerstörung. Er versucht
auf einem sehr verschlungenen Weg, den Weg nach Hause zu finden." Fortsetzung in Teil 2
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