Samstag, 6. Juni 2026

Das Schlimmste kommt noch.


"In früher Jugend sitzen wir vor unserm bevorstehenden Lebenslauf, wie die Kinder vor dem Theatervorhang, in froher und gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollen.

Ein Glück, dass wir nicht wissen, was wirklich kommen wird.
Denn wer es weiß, dem können zu Zeiten die Kinder vorkommen wie unschuldige Delinquenten, die zwar nicht zum Tode, hingegen zum Leben verurteilt sind, jedoch den Inhalt ihres Urteils noch nicht vernommen haben. 

Nichtsdestoweniger wünscht Jeder sich ein hohes Alter, also einen Zustand, darin es heißt: `es ist heute schlecht und wird nun täglich schlechter werden, bis das Schlimmste kommt.´"


ChatGPT:
Das ist ein Zitat von Arthur Schopenhauer, genauer aus den Parerga und Paralipomena (Kapitel XII, § 155). Es gehört zu den Passagen, in denen sich sein pessimistischer Blick auf das menschliche Dasein besonders klar zeigt.

Interessant ist, wie kunstvoll die Passage aufgebaut ist:

In früher Jugend sitzen wir vor unserem bevorstehenden Lebenslauf, wie die Kinder vor dem Theatervorhang ...

Zunächst das Bild der Erwartung: Das Kind glaubt, das Stück werde interessant, bedeutend, vielleicht sogar großartig werden.

Dann folgt die Wendung:

Ein Glück, dass wir nicht wissen, was wirklich kommen wird.

Für Schopenhauer wäre die Wahrheit unerträglich. Das Nichtwissen ist keine Schwäche, sondern eine Schutzvorrichtung der Natur.

Besonders scharf ist die Metapher:

unschuldige Delinquenten, die zwar nicht zum Tode, hingegen zum Leben verurteilt sind

Normalerweise gilt Leben als Geschenk und Tod als Strafe. Schopenhauer dreht die Perspektive um. Die eigentliche Verurteilung besteht darin, überhaupt geboren worden zu sein. Das erinnert an spätere antinatalistische Gedanken, wie man sie etwa bei Emil Cioran oder David Benatar findet.

Der letzte Satz enthält eine weitere Ironie:

Nichtsdestoweniger wünscht jeder sich ein hohes Alter ...

Menschen klagen über das Leben, kämpfen gegen Krankheiten, fürchten Schmerzen und Verluste – und wünschen sich dennoch möglichst viel davon. Für Schopenhauer ist das Ausdruck des blinden Lebenswillens. Der Verstand erkennt die Misere, aber der Wille hält am Dasein fest.

Man könnte den Gedanken auch so formulieren:

Der junge Mensch betrachtet das Leben wie ein Versprechen.

Der alte Mensch erkennt es eher als Rechnung.

Und dennoch unterschreibt fast jeder die Verlängerung.

Was ich an dieser Passage bemerkenswert finde: Sie ist zugleich düster und beobachtend. Schopenhauer behauptet nicht einfach, dass das Leben schlecht sei. Er weist auf einen Widerspruch hin, der tatsächlich existiert: Viele Menschen beschreiben ihr Leben als voller Sorgen, Mühen, Enttäuschungen und Verluste – und wollen trotzdem weitermachen.

Gerade dieser Widerspruch hat Philosophen bis heute beschäftigt. Ist er ein Beweis für die Kraft des Lebenswillens, wie Schopenhauer meinte? Oder zeigt er, dass selbst ein unvollkommenes Leben von den meisten Menschen dem Nichtsein vorgezogen wird?

Schopenhauer beantwortet die Frage auf die erste Weise. Andere würden die zweite Antwort geben. Die Beobachtung selbst bleibt jedoch bemerkenswert scharf.





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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