Sonntag, 7. Juni 2026

Marchek, die Maschine




Die Umkleidekabine roch nach Schweiß, altem Klebeband und dem scharfen Zeug, mit dem sie die Tische abwischten. Marchek saß auf der Holzbank und starrte auf seine Hände. Große Hände. Knöchel wie Murmeln unter der Haut. Narbengewebe weiß auf braunem Leder. Ein paar Minuten noch, dann würden sie wieder jemandem das Gesicht umbauen.

Sein Trainer redete. Irgendwas über die Rechte des Gegners. Über den Haken zum Körper. Marchek hörte nicht zu. Er hatte das alles schon tausendmal gehört. Worte waren billig. Schläge kosteten.

Er stand auf und begann sich auszuziehen. Hemd. Hose. Unterwäsche. Ein Körper, der aussah wie eine Landkarte aus Schmerz. Narben auf den Rippen. Auf der Stirn. Eine blasse Linie über dem linken Auge, wo ihn vor acht Jahren ein Kopfstoß erwischt hatte. Achtundzwanzig Stiche. Er hatte sie ohne Betäubung bekommen, weil der Arzt meinte, es ginge schneller.

Der Trainer warf ihm die Kampfhose zu. Lila mit goldenen Streifen. Dazu die Schuhe. Leicht, dünne Sohlen, kaum mehr als Socken mit Schnürsenkeln. Er zog alles an und begann, sich die Hände bandagieren zu lassen. Die Baumwollstreifen wickelten sich um seine Fingerknöchel, um das Handgelenk, fest und fest und fest, bis seine Hände sich taub anfühlten und bereit.

Dann die Handschuhe. Zwölf Unzen. Klobige Dinger, die aussahen wie übergroße Früchte. Wenn man sie anzog, verlor man die Fähigkeit, eine Tür zu öffnen, eine Flasche aufzumachen, einen Stift zu halten. Man wurde zu etwas anderem.

"Cutter" nannten sie den Mann, der die Handschuhe verschnürte. Ein alter Schwarzer mit ruhigen Händen. Er arbeitete schnell, die Schnürsenkel zischten durch die Ösen. Dann ein Knoten. Klebeband drum. Noch ein Knoten. Die Handschuhe saßen wie Beton.

Marchek sah zu, wie der Cutter die überstehenden Schnürsenkel abschnitt. Ein sauberer Schnitt. Die Enden fielen zu Boden. Und etwas an diesem Geräusch, dieses leise Klicken der Schere, machte ihm klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Er stand auf und ging zur Tür. Der Trainer klopfte ihm auf die Schulter. "Zeit."

Der Gang zur Halle war ein langer Schlauch aus Beton. Neonröhren an der Decke. Der Boden leicht klebrig von verschütteten Getränken. Man hörte die Menge schon von weitem, ein tiefes Brummen wie von einer großen Maschine, die im Leerlauf lief.

Als sie um die Ecke bogen, schlug ihnen der Lärm entgegen wie eine Wand. Zehntausend Kehlen. Zehntausend Münder. Eine Arena aus Fleisch und Bier und Zigarettenrauch, obwohl Rauchen längst verboten war.

Marchek ging durch den Mittelgang. Die Leute brüllten seinen Namen. "Mar-chek! Mar-chek!" Einige streckten die Hände aus, wollten ihn berühren. Andere zeigten ihm den Mittelfinger. Er sah durch sie hindurch. Gesichter, die zu Brei verschwammen. Münder, die sich öffneten und schlossen wie bei Fischen auf dem Trockenen.

Das Licht traf ihn wie ein Schlag. Die Scheinwerfer über dem Ring brannten weiß und heiß. Alles darunter war hell. Alles darüber war Dunkelheit. Wie eine Insel aus Licht in einem Meer aus Schwärze.

Er kletterte durch die Seile. Das vertraute Gefühl des Leinenbodens unter den Schuhen. Ein bisschen rau. Ein bisschen federnd. Er ging in seine Ecke und begann, sich warm zu machen. Schattenboxen. Die Schultern lockern. Den Nacken dehnen.

Die Halle war voll. Ausverkauft. Die größte Börse seiner Karriere. Pay-per-View in achtzehn Ländern. Die Wettquoten standen fünf zu eins für ihn. Er war der Favorit. Er war immer der Favorit.

Neben ihm stand sein Gegner. Suarez. Ein Kubaner mit einem rechten Haken, der angeblich Beton knacken konnte. Jung. Hungrig. Unbesiegt. Aber das waren sie alle, bevor sie auf Marchek trafen.

Der Ringsprecher stieg in die Mitte des Rings. Ein Mann im Smoking mit einer Stimme wie flüssiges Gold. Er hob das Mikrofon und begann zu sprechen.

"Meine Damen und Herren, willkommen zum Hauptkampf des Abends..."

Normalerweise blendete Marchek diesen Teil aus. Die Ankündigungen. Die Namen. Die Rekorde. Alles nur Lärm. Er hatte gelernt, sich in sich selbst zurückzuziehen, in diesen kleinen dunklen Raum in seinem Kopf, wo nichts existierte außer Atem und Bewegung.

Heute nicht.

Heute ging es nicht.

Er stand in seiner Ecke und spürte plötzlich die Handschuhe. Sie fühlten sich schwer an. Schwer und fremd. Er versuchte, die Finger zu bewegen. Die Polsterung gab kaum nach. Seine Hände waren gefangen in diesen Dingen. Begraben in Schaumstoff und Leder. Er konnte nicht einmal eine Faust richtig ballen. Nicht wirklich. Die Handschuhe machten aus seinen Fäusten etwas Weiches, etwas Stumpfes. Waffen, die keine Waffen mehr waren.

Der Ringsprecher rief seinen Namen.

"Mit einer Bilanz von vierunddreißig Siegen, davon einunddreißig durch Knockout..."

Die Menge explodierte. Zehntausend Menschen brüllten gleichzeitig. Es klang wie ein Tier, das aus der Tiefe aufstieg. Wie etwas, das gefüttert werden wollte.

Und da traf es ihn.

Es war nur ein Gedanke. Ein einziger, klarer Gedanke, der sich in seinen Kopf bohrte wie ein Splitter unter den Fingernagel.

Er hatte nichts dabei.

Kein Telefon. Kein Portemonnaie. Kein Schlüssel. Keinen Ausweis. Kein Geld. Nicht einmal ein Stück Papier mit einer Telefonnummer.

Nichts.

Er stand in einer Halle mit zehntausend Menschen und besaß buchstäblich nichts. Nur eine lila Hose. Ein Paar dünne Schuhe. Und diese lächerlichen Handschuhe.

Wenn man ihn jetzt aus der Halle werfen würde, mitten in dieser Stadt, die er kaum kannte, dann könnte er nicht einmal seine eigene Haustür aufschließen. Er könnte niemanden anrufen. Er könnte sich nicht ausweisen. Er könnte nichts.

Der Gedanke fraß sich tiefer.

Er stand im hellsten Ort der Welt und war gleichzeitig völlig ausgeliefert. Hilflos wie ein Kind, das seine Eltern im Supermarkt verloren hat. Nein, schlimmer. Ein Kind konnte wenigstens schreien. Ein Kind konnte weinen. Ein Kind konnte um Hilfe bitten. Er konnte nichts davon.

Er war Marchek. Die Maschine. Der Mann, der keine Schwäche zeigte.

Aber jetzt, in diesem Moment, spürte er sie. Die Schwäche. Sie kroch seinen Rücken hoch wie kaltes Wasser. Sie sickerte in seine Brust. Sie machte seine Beine weich.

Er sah sich um.

Die Ordner am Ring trugen Uniformen. Sie hatten Taschen. In diesen Taschen waren Schlüssel. Geldbörsen. Telefone. Dinge, die man brauchte, um durch den Tag zu kommen. Dinge, die einen zu einem Menschen machten.

Die Kameraleute hatten Headsets. Sie sprachen mit jemandem. Sie gehörten dazu. Sie hatten einen Job, eine Funktion, eine Verbindung zur Welt.

Sein Trainer hatte ein Handy in der Tasche. Eine Geldbörse. Einen Autoschlüssel. Alles da.

Selbst sein Gegner, dieser Kubaner mit dem Betonhaken, selbst der hatte wahrscheinlich eine Tasche in der Umkleide. Eine Brieftasche. Fotos von seinen Kindern. Irgendwas.

Nur er hatte nichts.

Er blickte auf seine nackten Beine. Auf die dünnen Schuhe. Auf die Handschuhe. So wenig trennte ihn von der Welt. Eine Schicht Stoff. Eine Schicht Leder. Das war alles. Darunter war er nackt. Darunter war er Fleisch und Knochen und Blut. Zerbrechlich. Sterblich.

Die Arena begann zu verschwimmen. Nicht wirklich. Nicht so, dass es jemand sehen konnte. Aber in seinem Kopf. Die Zuschauer wurden zu einer einzigen Masse. Die Lichter flackerten. Der Lärm wurde zu einem Rauschen, wie ein Radio zwischen zwei Sendern.

Der Ringsprecher redete immer noch. Seine Worte kamen von weit her. Aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der Boxkämpfe wichtig waren. In der Sieg und Niederlage etwas bedeuteten. In der Männer sich gegenseitig die Schädel einschlugen und dafür bezahlt wurden und die Leute kauften Tickets, um es zu sehen.

Plötzlich kam ihm alles absurd vor.

Zwanzig Jahre hatte er gekämpft. Seit er sechs war. Seit er zum ersten Mal in einem viel zu großen T-Shirt in einem Boxkeller gestanden und auf einen Sandsack eingeschlagen hatte, der mehr wog als er selbst. Zwanzig Jahre Disziplin. Zwanzig Jahre Schmerz. Zwanzig Jahre, in denen er seinen Körper zu einer Waffe gemacht hatte. Und wofür?

Damit er jetzt hier stand. Mit nichts.

Der Gedanke kam von nirgendwo und war gleichzeitig das Wahrste, das er je gedacht hatte.

Vielleicht war er nie stark gewesen.

Vielleicht war Stärke immer nur etwas, das zwischen Gong und Gong existierte. Etwas Geliehenes. Eine Illusion, die von Trainern und Managern und Journalisten aufrechterhalten wurde. Ein Märchen, das er selbst geglaubt hatte, weil es einfacher war, daran zu glauben.

Zwanzig Jahre.

Und was hatte er vorzuweisen? Ein Apartment in einer Stadt, in der er kaum lebte. Ein Auto, das er kaum fuhr. Ein paar Frauen, die er kaum kannte. Keine Kinder. Keine Freunde. Keine Familie, mit der er noch sprach.

Nur die Kämpfe. Die Knockouts. Die blutigen Abende in hell erleuchteten Arenen. Das war sein Leben. Das war alles.

Die Halle wurde stiller. Nicht wirklich stiller. Der Lärm war immer noch da. Aber er hörte ihn nicht mehr. Es war, als hätte jemand den Ton abgedreht. Er sah die Münder sich öffnen und schließen. Er sah die klatschenden Hände. Aber es kam nichts an.

Dann kam ein zweiter Gedanke.

Noch seltsamer als der erste.

Wenn das alles geliehen war – die Stärke, die Sicherheit, die ganze Existenz – dann war vielleicht auch die Angst geliehen. Die Schwäche. Dieses Gefühl, ein Kind zu sein. Vielleicht war auch das nur etwas, das zwischen Gong und Gong existierte.

Er versuchte, den Gedanken zu fassen. Er glitt ihm durch die Finger.

Die Scheinwerfer brannten. Der Ring war ein weißes Rechteck in der Schwärze. Und plötzlich fühlte er sich, als schwebte er. Als wäre die Arena verschwunden. Als wäre er allein im Weltraum. Vakuum. Kälte. Unendlichkeit.

Nur er. Ein Mann in Unterhosen und Handschuhen. Umgeben von nichts.

Kein Ton. Kein Licht. Kein Oben und Unten.

Er schwebte. Drehte sich langsam. Ein winziger Punkt in der Leere. Seine Lungen sogen Luft ein, die nicht da war. Sein Herz schlug in einer Brust, die keine Bedeutung mehr hatte.

Er war völlig allein.

Und dann, ganz langsam, ganz leise, kam die Erkenntnis.

Das hier war keine Schwäche. Das hier war die Wahrheit.

Die Wahrheit hinter allem. Hinter den Kämpfen. Hinter den Titeln. Hinter dem Geld und dem Ruhm und den brüllenden Massen. Die einfache, nackte Wahrheit: Er war ein Mensch. Ein kleines, zerbrechliches Ding in einem großen, gleichgültigen Universum. Und nichts, was er tat, würde daran etwas ändern.

Es war befreiend.

Es war entsetzlich.

Er wusste nicht, wie lange er da schwebte. Sekunden. Minuten. Stunden. Zeit hatte keine Bedeutung mehr.

Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

Sie war warm. Fest. Real.

Er drehte sich um.

Der Ringrichter.

Ein kleiner Mann mit einem sorgfältig gestutzten Schnurrbart. Er trug eine Fliege und ein weißes Hemd. Seine Augen waren ruhig. Er hatte diesen Job schon tausendmal gemacht.

Der Ringrichter winkte ihn und Suarez in die Ringmitte. Seine Stimme war ein Murmeln unter dem Lärm der Menge.

"Ihr kennt die Regeln. Sauberer Kampf. Haltet euch an meine Anweisungen. Schützt euch jederzeit."

*Protect yourself at all times.*

Die Worte trafen Marchek wie ein Schlag in die Magengrube.

Schütze dich jederzeit.

Ja.

Darum ging es.

Nicht um die Handschuhe. Nicht um die Schlüssel. Nicht um die Telefone und die Geldbörsen und die kleinen Sicherheiten des Alltags.

Es ging darum, sich zu schützen.

Das war das Einzige, was zählte. Das Einzige, was immer gezählt hatte. Von dem Moment an, als er mit sechs Jahren zum ersten Mal in einem Boxkeller gestanden hatte. Von dem Moment an, als er gelernt hatte, die Fäuste zu heben und den Kopf einzuziehen und den Schlägen auszuweichen.

Nicht angreifen.

Sich schützen.

Das Überleben sichern.

Der Ringrichter trat zurück. Seine Hand verließ Marcheks Schulter. Die Wärme verschwand. Die Kälte kam zurück.

Aber es war eine andere Kälte.

Die Kälte des Weltraums war eine stille, leere, bedeutungslose Kälte gewesen. Diese Kälte war scharf. Sie schnitt durch den Nebel in seinem Kopf. Sie machte wach.

Für einen Sekundenbruchteil hing alles in der Schwebe. Der Ringrichter, halb zurückgetreten. Suarez, der sich in seine Ecke zurückzog. Die Menge, die den Atem anhielt. Die Kameras, die zoomten. Die Welt, die wartete.

Ein perfekter, stiller Moment.

Marchek stand in der Mitte des Rings und fühlte seinen Körper. Er fühlte die Muskeln unter der Haut. Die Sehnen, die sich spannten. Die Knochen, die das Gewicht trugen. Er fühlte das Blut, das durch seine Adern pumpte. Er fühlte die Luft, die in seine Lungen strömte.

Er war hier.

Er war wirklich hier.

Nicht im Weltraum. Nicht in der Leere. Nicht in der Bedeutungslosigkeit.

Hier.

Im Ring.

In der Arena.

In diesem Moment.

Er ging zurück in seine Ecke. Seine Füße fanden den Boden. Der Leinenboden. Rau. Federnd. Vertraut. Er spürte die Seile im Rücken. Das Summen der Scheinwerfer über ihm. Den Geruch von Schweiß und Leder und dem Gummi des Mundschutzes, den sein Trainer ihm hinhielt.

Er biss drauf. Das vertraute Gefühl. Der Geschmack von Plastik und Speichel.

Sein Trainer sagte etwas. Er hörte nicht zu. Es war nicht wichtig.

Er sah zu Suarez hinüber. Der Kubaner tänzelte in seiner Ecke. Jung. Schnell. Bereit. Er sah hungrig aus. Er sah aus wie ein Mann, der glaubte, eine Chance zu haben.

Marchek wusste, dass er keine hatte.

Nicht heute.

Heute nicht.

Der Gong ertönte.

Es war ein tiefer, hallender Ton. Er durchschnitt die Luft. Er durchschnitt die Stille in seinem Kopf. Er durchschnitt alles.

Und die Welt raste zurück an ihren Platz.

Der Weltraum verschwand. Die Zweifel verschwanden. Die Angst verschwand. Alles, was eben noch gewesen war, löste sich auf wie Rauch im Wind.

Der Gegner stand vor ihm.

Marchek hob die Deckung. Die Handschuhe waren keine Gefängnisse mehr. Sie waren Waffen. Sie waren Verlängerungen seiner Arme. Sie waren das, was sie immer gewesen waren.

Seine Füße fanden den Rhythmus. Links. Rechts. Links. Vor und zurück. Der vertraute Tanz. Der Tanz, den er seit zwanzig Jahren tanzte.

Suarez kam auf ihn zu. Schnell. Aggressiv. Ein linker Jab, der die Luft zerschnitt. Marchek wich aus. Der rechte Haken kam. Betonhaken. Sein Markenzeichen. Marchek duckte sich darunter weg. Spürte den Luftzug über seinem Kopf.

Sein Körper erinnerte sich.

Nicht an Gedanken. Nicht an Zweifel. An Arbeit.

Der Körper wusste, was zu tun war. Der Körper hatte es zehntausendmal getan. Hunderttausendmal. In Kellern und Trainingshallen und leeren Arenen. In Sparringseinheiten und Amateurkämpfen und Profi-Fights. Der Körper war eine Maschine. Eine Maschine, die wusste, wie man kämpfte.

Marchek ließ den Verstand los.

Er ließ die Gedanken los. Die Erinnerungen. Die Ängste. Die Fragen. Die seltsamen Momente der Klarheit. Alles fiel von ihm ab wie alte Haut.

Nur die Arbeit blieb.

Der nächste Jab von Suarez traf ihn an der Schulter. Spürte er kaum. Er konterte mit einem linken Haken zum Körper. Suarez ging einen Schritt zurück. Marchek folgte ihm.

Jetzt war er in der Zone. Jetzt gab es nur noch Aktion und Reaktion. Bewegung und Gegenbewegung. Schlag und Konter.

Die Menge war ein fernes Rauschen. Die Lichter waren hell, aber sie blendeten nicht mehr. Der Ring war die Welt. Es gab nichts außerhalb des Rings. Nichts außerhalb dieses Quadrats aus Seilen und Leinen.

Suarez versuchte eine Kombination. Links-rechts-links. Marchek blockte. Blockte. Blockte. Der Rhythmus der Schläge gegen seine Handschuhe war wie Musik. Wie ein Herzschlag.

Dann sah er die Lücke.

Sie war klein. Kaum wahrnehmbar. Suarez ließ nach seiner Kombination die Linke ein bisschen zu tief hängen. Eine Einladung. Ein Fehler. Marchek hatte ihn tausendmal gesehen. In tausend Kämpfen. Bei tausend Gegnern.

Er nahm die Einladung an.

Sein rechter Haken traf Suarez an der Schläfe. Es war kein harter Schlag. Nicht wirklich. Eher ein präziser Schlag. Die Art von Schlag, die das Gehirn gegen den Schädel schüttelte. Die Art von Schlag, die die Lichter ausmachte.

Suarez fiel.

Es war ein langsamer Fall. Er knickte erst in den Knien ein. Dann kippte er zur Seite. Seine Schulter traf den Boden. Sein Kopf prallte auf. Seine Augen waren offen, aber sie sahen nichts.

Der Ringrichter war sofort da. Er schob Marchek beiseite. Beugte sich über Suarez. Zählte.

Eins.

Zwei.

Drei.

Suarez versuchte aufzustehen. Seine Arme zitterten. Seine Beine gehorchten ihm nicht. Er fiel wieder hin.

Vier.

Fünf.

Sechs.

Der Kubaner blieb liegen. Der Ringrichter wedelte mit den Armen. Vorbei.

Marchek hob die Arme. Ein Reflex. Die Menge brüllte. Die Kameras waren auf ihn gerichtet. Die Welt sah zu. Der große Marchek. Die Maschine. Der Mann, der keine Gnade kannte.

Aber in seinem Kopf, ganz tief drin, an einem Ort, den niemand sehen konnte, schwebte er immer noch ein bisschen im Weltraum. Ein kleiner Mann mit nichts als einer kurzen Hose und lächerlichen Handschuhen. Allein in der Kälte. Allein in der Stille.

Nur für einen Moment.

Dann war es vorbei.

Sein Trainer umarmte ihn. Der Cutter schnitt die Handschuhe auf. Reporter drängten in den Ring. Mikrofone wurden ihm ins Gesicht gehalten. Fragen prasselten auf ihn ein.

Er antwortete nicht.

Er stand nur da und sah auf seine Hände. Große Hände. Knöchel wie Murmeln. Narben weiß auf braunem Leder. Die Bandagen wurden abgewickelt. Das Blut zirkulierte wieder.

Jemand drückte ihm ein Handtuch in die Hand. Jemand anderes warf ihm einen Mantel über die Schultern. Er fühlte sich schwer an. Solide. Die Taschen waren leer. Das machte nichts.

Er ging zurück durch den Schlauch aus Beton. Die Neonröhren summten. Der Boden war immer noch klebrig. Die Umkleidekabine roch immer noch nach Schweiß und altem Klebeband und dem scharfen Zeug, mit dem sie die Tische abwischten.

Er setzte sich auf die Holzbank und starrte an die Wand.

Der Trainer redete wieder. Irgendwas über den nächsten Kampf. Über das Geld. Über den Titel.

Marchek hörte nicht zu.

Er dachte an die Sekunden vor dem Gong. An den Weltraum. An die Stille. An das Gefühl, völlig allein zu sein.

Es würde wiederkommen.

Er wusste es.

Es würde jedes Mal wiederkommen. In den letzten Sekunden vor jedem Kampf. In dem Moment, wenn alles bereit war und nichts mehr zu tun blieb außer warten. Dann würde er wieder schweben. Wieder allein sein. Wieder das kleine, nackte Ding in der großen, kalten Leere.

Aber das war in Ordnung.

Denn jetzt wusste er, was danach kam.

Der Gong.

Und nach dem Gong die Arbeit.

Die Arbeit, die er seit seinem sechsten Lebensjahr gelernt hatte. Die Arbeit, die ihn zu dem gemacht hatte, was er war. Die Arbeit, die ihn immer wieder zurückholte aus der Kälte.

Er stand auf und ging duschen. Das Wasser war heiß. Es brannte auf seiner Haut. Es wusch den Schweiß ab und das Blut und die Reste der Vaseline, die sie ihm ins Gesicht geschmiert hatten.

Als er fertig war, zog er sich an. Hemd. Hose. Jacke. In der Tasche fand er sein Telefon. Sein Portemonnaie. Seinen Schlüssel.

Er hielt den Schlüssel in der Hand. Ein kleines Stück Metall mit einem Plastikanhänger. Die Nummer seiner Wohnung war darauf gedruckt. 47. Vierte Etage. Ende des Flurs.

Er schloss die Faust darum und ging hinaus in die Nacht. Die Straßen waren nass vom Regen. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem Asphalt. Er fand sein Auto und fuhr nach Hause.

Vor seiner Wohnungstür blieb er stehen. Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Drehte ihn. Die Tür öffnete sich.

Die Wohnung war dunkel und still.

Er machte kein Licht an. Er setzte sich in die Küche und starrte in die Dunkelheit. Irgendwo tickte eine Uhr. Irgendwo rauschte der Verkehr.

Er dachte an den Gong.

An den Klang des Gongs.

Daran, wie er die Welt zurückbrachte.

*Protect yourself at all times.*

Ja.

Er nickte langsam.

Dann stand er auf, ging ins Schlafzimmer und legte sich hin. Morgen würde er wieder trainieren. Übermorgen auch. Nächste Woche würde der Manager anrufen und vom nächsten Kampf reden. Nächsten Monat würde er wieder in einer hell erleuchteten Arena stehen und darauf warten, dass der Ringsprecher seinen Namen rief.

Und in den letzten Sekunden vor dem Gong würde er wieder schweben.

Allein im Weltraum.

Mit nichts.

Aber er wusste jetzt, dass das dazugehörte.

Die Stille vor dem Sturm.

Die Leere vor dem Kampf.

Die Wahrheit, bevor die Arbeit begann.

Er schloss die Augen und schlief ein, während draußen die Stadt weitermachte und der Regen gegen das Fenster trommelte, wie kleine Fäuste, die nie müde wurden.




Story: deepseek nach einer Vorgabe von mir & einem Entwurf von ChatGPT
Pics: ChatGPT, Qwen, Bing Image Creator

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.