Sonntag, 9. August 2026

Salad Days


Remember when you were young?




"Man trifft sich immer mindestens zweimal im Leben" ist ein Spruch, mit dem sich Leute trösten, die von einem anderen schlecht behandelt wurden & nichts dagegen tun konnten. Irgendwie und irgendwann, so hoffen sie, wird eine höhere Macht ihnen Genugtuung angedeihen lassen.

Manchmal passiert so etwas tatsächlich.

In jenem Sommer in den 1970ern war ich ein schlaksiger, melancholischer Junge mit einer Frisur, in der mehrere Vogelpaare unbemerkt ihre Nester hätten bauen & ihre Küken aufziehen können. 

Niemand hielt es für nötig, sich für mich zu interessieren oder etwas Nettes über mich zu sagen & mein Selbstbewußtsein war so schwach ausgeprägt, daß es eigentlich nicht vorhanden war.

In den Sommerferien konnte ich einen Job in der Gartenabteilung einer lokalen Wohnungsbaugenossenschaft ergattern - andere hatten wahrscheinlich einen tollen Sommer... mit Freunden segeln gehen, was erleben, Mädchen kennenlernen, mit Mädchen schmusen bei Kerzenlicht und so, Mädchen Mädchen MÄDCHEN.
Ich nicht.
Aber wenigstens hatte ich nun diesen Job. Von dem verdienten Geld würde ich mir Schallplatten mit trauriger Musik kaufen.

Der Obergärtner war so ein obercooler Typ - Mitte Zwanzig, Einsneunzig, Zehnkämpfer-Figur, lange Haare, Muschi-Magnet. Heute würde man ihn wohl als Chad bezeichnen.
Dieses Arschloch schien wie die Sonne. The future was wide open.
Für ihn, nicht für mich.

Aus irgendeinem Grund konnte der Chad mich nicht leiden. Nachdem ich ein paar Tage lang diesen Scheiß gemacht hatte, den man als Hilfsgärtner halt so macht, meinte er am Feierabend zu mir "Morgen brauchst Du nicht zu kommen." & auf meine Frage "Warum?" - "Weil heute Dein letzter Tag war."

Tja.

Gut 20 Jahre später latschte ich an einem schönen Sommertag eine der Straßen herunter, in der sämtliche Häuser dieser Genossenschaft gehören.
Aus irgendeinem Grund trug ich meinen blauen Business-Anzug mit Seidenkrawatte - wahrscheinlich für einen Gerichtstermin. In den 1990ern hatte ich eine ganze Menge davon. Also... Gerichtstermine. Nicht Anzüge.

Auf der anderen Straßenseite kam mir der Obergärtner von damals entgegen.
Immer noch in der genossenschaftlichen Gärtner-Kluft, aber es sah nicht danach aus, als ob er noch der Abteilungsleiter wäre.
Auch sonst war so ziemlich der Lack ab. Die Sonne schien ihm nicht mehr aus sämtlichen Körperöffnungen & seiner Zukunft war wohl die Straße ausgegangen.

Offensichtlich hatten das Leben & die Flasche ihm gezeigt, wer Chef im Ring ist.

Er blickte vorsichtig zu mir herüber und grüßte.
Nicht, weil er mich erkannt hätte.
Als Knecht grüßt Du halt sicherheitshalber den Anzugträger, der in Deinem Arbeitsbereich die Straße entlang geht als wäre sie verdammtnochmal SEINE Straße.




 


 

 

 

 

 

 

 

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