Samstag, 19. September 2026

Sieben Fragmente vor der Stille - 2. Die Abreise


Am zweiten Tag waren die Straßen in beide Richtungen verstopft.

Die eine Hälfte fuhr nach Norden, weil dort Verwandte lebten, ein altes Haus stand oder das Meer zu sehen war. Die andere fuhr nach Süden, aus denselben Gründen. Über den Fahrbahnen leuchteten die elektronischen Tafeln noch: STAU — RETTUNGSGASSE BILDEN — FAHREN SIE VORSICHTIG. Niemand wusste, wer diese Hinweise weiterhin eingab.

Auf der A7 bewegte sich eine Kolonne von Fahrzeugen mit Schrittgeschwindigkeit. Dachboxen, Fahrräder, Käfige mit Vögeln, Matratzen, Kanister. Dinge aus einem Leben, das man beim Packen noch für fortsetzbar gehalten hatte. Nach einigen Stunden öffneten die Menschen ihre Kofferräume und begannen auszusortieren. Zelte lagen auf dem Seitenstreifen, Aktenordner, ein Bügelbrett, zwei originalverpackte Gartenstühle. Gegen Mittag nahm niemand mehr etwas mit, das nicht atmete oder erinnerte.

An einer Raststätte stand die Tür des Verkaufsraums offen. Die Kühltruhen summten, die Kasse zeigte 0,00. Eine Angestellte räumte Wasserflaschen auf den Gehweg und schrieb mit Filzstift auf einen Pappkarton: NEHMT NUR, WAS IHR BRAUCHT. Unter den Satz setzte sie, nach kurzem Zögern: ES REICHT FÜR ALLE.

Es reichte nicht für alle. Aber der Satz blieb stehen.

Ein Paar aus Hamburg wollte zu einer Mutter nach Kassel. Sie hatten acht Jahre lang jede Einladung mit Arbeit, Terminen oder der Länge der Fahrt beantwortet. Nun saßen sie seit neun Stunden im Wagen. Auf der Rückbank schlief ihre Tochter zwischen einem Stofffuchs und einem Beutel Äpfel.

„Wir kommen“, sagte die Frau in eine Sprachnachricht. „Fangt nicht ohne uns an.“

Sie hörte die Nachricht zweimal ab, bevor sie sie abschickte. Das Telefon zeigte nur einen grauen Haken.

Weiter vorn hatte ein Lieferwagen den Geist aufgegeben. Früher hätte man gehupt. Nun stiegen vier Menschen aus verschiedenen Autos aus und schoben ihn auf den Standstreifen. Einer kannte sich mit Motoren aus. Ein anderer brachte Kaffee. Niemand fragte nach Namen. Nach zwanzig Minuten sprang der Wagen wieder an, und alle kehrten wortlos in ihre Fahrzeuge zurück, als hätten sie eine gesellschaftliche Ordnung für einen Augenblick repariert.

Nicht jeder fuhr zu jemandem. Manche suchten einen Berg, eine Küste oder eine Lichtung, die sie von einem Foto kannten. Sie wollten das Ende an einem Ort erleben, der groß genug war, um es aufzunehmen. Andere fuhren ohne Ziel, weil Bewegung leichter zu ertragen war als Warten. Die Tankanzeigen sanken. Die Reichweiten wurden zu den letzten persönlichen Prophezeiungen.

Gegen Abend verstummten die Navigationsdienste. Die blauen Linien verschwanden, doch niemand wendete. Man orientierte sich wieder an Ortsnamen, Kirchtürmen, dem Stand der Sonne und handgeschriebenen Schildern an Abzweigungen. HIER GIBT ES WASSER. ARZT IM DORF. PLATZ FÜR SECHS.

Die Abreise war keine Flucht. Es gab keinen Ort außerhalb des Ereignisses. Was die Menschen suchten, war auch kein Zuhause im geographischen Sinn. Sie suchten einen Platz, an dem ihr Name ausgesprochen wurde, bevor er verschwand.









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