Am letzten Abend färbte sich der Himmel.
Nicht rot, obwohl später alle Berichte dieses Wort verwendeten. Rot war nur die nächstgelegene Farbe. Das Licht enthielt Kupfer, Blut, Rost und etwas Violettes, das auf Bildschirmen nicht wiedergegeben werden konnte. Kameras korrigierten es automatisch und machten daraus einen gewöhnlichen Sonnenuntergang.
Die Menschen verließen die Häuser. Sie standen auf Balkonen, Dächern, Feldern und leeren Parkplätzen. Wer noch fahren konnte, hielt an. Türen blieben offen. In den Städten stiegen Fremde über Zäune, um auf höhere Gebäude zu gelangen, und halfen einander hinauf.
Es gab keine gemeinsame Reaktion. Einige beteten mit Worten, die sie seit ihrer Kindheit nicht benutzt hatten. Andere öffneten Flaschen, die zu kostbar für gewöhnliche Tage gewesen waren. Manche redeten ohne Pause. Manche hatten sich vorgenommen, etwas Bedeutendes zu sagen, und brachten nur hervor, dass es kühl werde.
Auf einem Balkon saßen zwei Frauen, die sich am Vortag zum ersten Mal begegnet waren. Die eine hatte niemanden mehr erreicht. Die andere wartete auf einen Sohn, der im Stau festsaß. Sie teilten eine Decke und sahen nach Westen.
„So schön hätte es nicht sein dürfen“, sagte eine von ihnen.
Die Vögel verstummten zuerst. Niemand wusste, ob das Licht sie irritierte oder ob nur ihre Zeit gekommen war, still zu werden. Danach wirkte jedes menschliche Geräusch unverschämt laut: Husten, Weinen, das Klirren eines Glases, ein kurzes Lachen aus einem offenen Fenster.
In manchen Straßen begannen Menschen zu singen. Die Lieder passten nicht zusammen und endeten an unterschiedlichen Stellen. Anderswo wurde geschwiegen. Ein Mann stellte Lautsprecher in seinen Garten, schaltete sie jedoch nicht ein. „Es ist schon genug da“, sagte er.
Als die Sonne unterging, blieb die Farbe. Sie hing über dem Horizont wie eine zweite, unbewegliche Dämmerung. Schatten verloren ihre Richtung. Gesichter erschienen älter und zugleich fremd, als sähe man die Menschen bereits aus einer Zeit, in der es sie nicht mehr gab.
Gegen Mitternacht gingen einige hinein, um zu schlafen. Auch das wurde ihnen später als Verdrängung ausgelegt, von niemandem, denn es gab kein Später. Sie waren müde. Der Körper bestand auf seinen Gewohnheiten, selbst als die Welt sie aufgab.
Andere blieben draußen. Sie erzählten einander belanglose Geschichten: eine verpasste Fähre, ein Hund, der einmal einen ganzen Kuchen gefressen hatte, die hässliche Tapete in der ersten Wohnung. Nicht die großen Ereignisse wurden bewahrt, sondern das Material, aus dem ein Leben tatsächlich bestanden hatte.
Kurz vor dem Morgen traf auf dem Balkon eine Nachricht ein. Der Sohn hatte den Wagen zurückgelassen und ging zu Fuß. Noch zwölf Kilometer.
Die beiden Frauen rückten näher zusammen. Über ihnen verblasste das unmögliche Rot, ohne ganz zu verschwinden. Der letzte Tag begann.
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