Samstag, 19. September 2026

Sieben Fragmente vor der Stille - 5. Die kleinen Arbeiten


Am fünften Tag begannen die großen Systeme auszufallen, und die kleinen Arbeiten gingen weiter.

In einem Garten, dessen Koordinaten nicht überliefert sind, band eine Frau ihre Tomatenpflanzen hoch. Die Früchte waren noch grün. Selbst unter günstigen Bedingungen wären sie nicht mehr reif geworden. Ihr Nachbar sah über den Zaun und fragte, warum sie sich die Mühe mache.

„Weil sie umknicken“, sagte sie.

Das war die ganze Begründung.

In einem Wohnblock reparierte ein Mann einen tropfenden Wasserhahn. Seit Monaten hatte das Geräusch ihn nachts gestört, ohne dass es je dringend genug gewesen wäre. Nun kniete er mit einer Zange unter dem Becken, während seine Familie im Nebenzimmer Weinflaschen öffnete, die für besondere Gelegenheiten aufgehoben worden waren.

„Morgen braucht es keiner“, sagte seine Tochter.

„Heute tropft es“, antwortete er.

Bibliotheksbücher wurden zurückgebracht. Nicht viele, aber genug, dass jemand sie bemerkte. Vor einem geschlossenen Gebäude stapelten sich Romane, Reiseführer und ein Atlas des Sonnensystems. Auf dem obersten Buch lag ein Zettel: ENTSCHULDIGUNG WEGEN DER VERSPÄTUNG.

Eine Bäckerei gab ihr letztes Mehl aus. Niemand bezahlte, doch die Verkäuferin tippte jede Ausgabe in die Kasse. Am Ende stimmte der Bestand zum ersten Mal seit Jahren exakt. Sie druckte den Abschlussbon und steckte ihn in die Tasche.

Auf einer Wohnstraße malten Kinder mit Kreide. Zuerst Häuser, Tiere und Raumschiffe. Dann wurden die Bilder größer und wuchsen ineinander, bis kein Asphalt mehr zu sehen war. Erwachsene gingen außen herum, obwohl es keinen Verkehr mehr gab. Niemand wollte über die Zeichnungen treten.

Man hätte diese Tätigkeiten als Verdrängung bezeichnen können. Vielleicht waren sie das. Doch Verdrängung erklärt nicht ihre Sorgfalt. Niemand bindet eine Pflanze so behutsam fest, wenn er bloß vergessen will. Die Menschen wussten, dass es kein Morgen gab. Gerade deshalb gewann das Gegenwärtige ein unerträgliches Gewicht.

Ein loser Knopf wurde angenäht. Ein Fahrradreifen geflickt. Haare wurden gekämmt, Betten bezogen, Nägel gefeilt. Jemand ölte das Scharnier einer Tür, die nur noch wenige Male geöffnet werden würde. In Werkstätten und Küchen, auf Balkonen und an Krankenbetten arbeiteten Hände weiter, nachdem die Institutionen ihre Bedeutung verloren hatten.

Die Zivilisation war nicht nur aus Kraftwerken, Verträgen und Datennetzen gebaut worden. Sie bestand auch aus der Bewegung, mit der jemand eine Decke über einen schlafenden Körper zog. Diese Bewegung benötigte keine Zukunft.

Als es dunkel wurde, stand die Tomatenpflanze aufrecht. Der Wasserhahn schwieg. Die Kreidebilder leuchteten im Licht der letzten Straßenlaternen.














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