Die Sender gaben ihre Programme nicht gleichzeitig auf. Einer nach dem anderen verlor die Werbung, dann die Nachrichten, dann die Namen.
Auf Frequenz 88,3 saß eine Technikerin allein in einem Studio. Der Moderator war am Morgen gegangen. Er hatte sich entschuldigt, als müsse er eine Schicht tauschen. Sie sagte, es sei in Ordnung, und beide wussten, dass dieser Satz zum letzten Mal zwischen Kollegen fiel.
Der Sendeplan lief noch automatisch: Verkehr, Wetter, ein Gewinnspiel, dessen Preis niemand mehr abholen würde. Um 13:12 Uhr zog sie den Regler herunter. Die vorbereitete Stimme verstummte mitten in der Ankündigung eines Wochenendangebots.
„Für alle, die gerade allein sind“, sagte die Technikerin ins Mikrofon, „ihr hört dieselbe Musik.“
Sie spielte zunächst ein Stück, das ihr Vater an Sonntagen gehört hatte. Danach etwas, dessen Titel sie nicht kannte. Hörer riefen an und wünschten Lieder. Als die Telefonanlage überlastet war, las sie nur noch die Anzeigen auf dem Display und suchte, was sie finden konnte: Bach, Coltrane, ein Schlaflied aus Georgien, verzerrte Gitarren, eine Feldaufnahme von Regen auf einem Blechdach.
Andere Sender übernahmen das Signal. Manche legten ihre eigenen Stücke darüber. Frequenzen, die Jahrzehnte lang um Reichweite und Marktanteile konkurriert hatten, verbanden sich zu einem ungeplanten Chor. Wer am Radio drehte, hörte Musikfetzen, Stimmen und Rauschen ineinanderfließen. Es gab keine saubere Übertragung mehr, aber eine gemeinsame.
Am Abend begann die Technikerin Namen vorzulesen. Zuerst die ihrer Familie. Dann Namen, die Hörer auf den Anrufbeantworter sprachen. Manche nannten nur einen. Manche ganze Klassenlisten. Eine Frau diktierte die Namen aller Bewohner eines Pflegeheims, langsam und mit korrekter Aussprache. Ein Kind nannte drei Meerschweinchen.
Die Liste dauerte zwei Stunden.
Zwischen den Namen ließ die Technikerin Pausen. Nicht aus Dramaturgie, sondern weil sie trinken und atmen musste. Hinter ihr blinkten Warnanzeigen. Ein Kühlaggregat war ausgefallen. Der Notstrom zeigte noch achtunddreißig Minuten.
Sie las weiter.
Der letzte vollständig erhaltene Name war Elisabeth Mertens. Danach hört man: „Und Daniel Kro—“ Dann einen harten Ton, ein Klicken und für mehrere Sekunden Stille. Ein automatisches System startete die letzte gespeicherte Datei: Regen auf einem Blechdach.
Diese Aufnahme wurde von benachbarten Sendern erneut ausgestrahlt und wanderte über Relaisstationen nach Osten. Noch in der Nacht war sie in Fahrzeugen, Küchen und auf batteriebetriebenen Radios zu hören. Viele hielten sie für echten Regen und öffneten die Fenster.
Es regnete nicht. Aber überall hörten Menschen dasselbe Wasser fallen.
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