"Ich habe grad ein Video zu der "Rubber hand illusion" von Botvinick and Cohen in 1998 gesehen. Ist es eigentlich möglich, ein Experiment in dieser Art erfolgreich an Personen ohne Sehvermögen durchzuführen?"
ChatGPT5.6:
"Ja – man kann eine rein somatosensorische Variante durchführen. Ob sie „funktioniert“, hängt allerdings stark von der Vorgeschichte des Sehvermögens ab.
Bei der sogenannten somatic rubber hand illusion sieht die Versuchsperson gar nichts:
- Ihre linke Hand tastet eine künstliche rechte Hand ab.
- Gleichzeitig berührt der Versuchsleiter synchron die echte, räumlich getrennte rechte Hand.
- Bei asynchroner Berührung dient derselbe Aufbau als Kontrollbedingung.
Sehende Versuchspersonen entwickeln dabei selbst mit verbundenen Augen häufig das Gefühl, mit der linken Hand ihre eigene rechte Hand zu berühren; teilweise erleben sie die Gummihand sogar als zum eigenen Körper gehörig. Die Körperlokalisation verschiebt sich zudem messbar in Richtung der künstlichen Hand.
Bei tatsächlich blinden Menschen ergibt sich jedoch ein bemerkenswert anderes Bild:
- Von Geburt an blind: In mehreren Studien entstand gewöhnlich weder das bewusste Besitzgefühl noch ein verlässlicher „propriozeptiver Drift“ zur Gummihand.
- Später erblindet: Auch diese Personen berichteten meist kein bewusstes Eigentumsgefühl. In einer Studie verschob sich ihre unbewusste räumliche Handrepräsentation jedoch trotzdem zur Gummihand – ähnlich wie bei Sehenden.
- Eine größere Replikation von 2024 mit 36 blinden Personen fand insgesamt weder subjektiv noch verhaltensmäßig eine somatische Gummihandillusion. Allerdings waren 31 davon von Geburt an blind und nur drei spät erblindet; die Frage der späten Erblindung ist damit noch nicht endgültig entschieden.
Das eigentlich Interessante daran: Die Versuchsanordnung benötigt aktuell überhaupt kein Sehen – dennoch scheint frühere visuelle Erfahrung das Gehirn darauf zu trainieren, Berührung, Körperlage und äußeren Raum zu einer gemeinsamen Körperrepräsentation zu verschmelzen. Wer nie gesehen hat, organisiert Berührung offenbar stärker in körperbezogenen statt visuell-räumlichen Koordinaten.
Blinde Menschen sind deshalb keineswegs gegen Körperillusionen immun. Die rein taktile Aristoteles-Illusion – mit gekreuzten Fingern eine Kugel berühren und scheinbar zwei fühlen – tritt bei angeboren Blinden ebenso auf wie bei Sehenden.
Die präziseste Antwort lautet also: Ein entsprechendes Experiment ist möglich; bei angeborener Blindheit bleibt gerade die spezifische Gummihandillusion aber meistens aus. Und genau dieses Scheitern ist wissenschaftlich vielleicht aufschlussreicher als ihr Gelingen."
"Ist es so, dass das Gehirn von Geburt an blinder Menschen die fehlende optische Körperwahrnehmung in irgendeiner Form kompensiert?"
ChatGPT5.6:
"Ja – allerdings nicht dadurch, dass das Gehirn eine unsichtbare optische Körperansicht nachbaut. Es konstruiert das Körperselbst stärker aus nichtvisuellen Signalen. „Kompensation“ ist dabei nur teilweise das richtige Wort, denn viele dieser Grundlagen existieren schon vor jeder Seherfahrung.
Das Körperschema entsteht vor allem aus:
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Propriozeption: Stellung von Gelenken, Muskelspannung und Bewegung
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Berührung und Selbstberührung: Welche Körperteile berühren einander?
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vestibulären Signalen: Lage und Beschleunigung des Körpers
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motorischen Efferenzkopien: Das Gehirn sagt eine Bewegung voraus und vergleicht sie mit ihrer Rückmeldung
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Interozeption: Herzschlag, Atmung, Druck, Temperatur und andere innere Körperzustände
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Hören: Geräusche eigener Bewegungen und akustische Entfernungsinformationen
Ein angeboren blinder Mensch besitzt deshalb normalerweise ein völlig funktionales Körperschema: Er weiß ohne Betrachtung, wo seine Hände sind, kann zielgerichtet greifen, gehen und seinen körpernahen Raum erfassen. Auch der peripersonale Raum – die unmittelbar erreichbare Zone um den Körper – kann sich ohne visuelle Erfahrung entwickeln.
Der entscheidende Unterschied liegt offenbar im Koordinatensystem. Bei Sehenden werden Berührungen automatisch aus der Hautkarte in einen äußeren, stark visuell geprägten Raum umgerechnet: nicht nur „rechter Zeigefinger“, sondern „Berührung dort links vor mir“. Angeboren Blinde behalten häufiger eine anatomische, körperzentrierte Kodierung bei. Dadurch lassen sie sich bei der somatischen Gummihandillusion weniger leicht dazu bringen, den Ort einer Berührung falsch zuzuordnen. Das ist keine mangelhafte Körperwahrnehmung, sondern möglicherweise eine stabilere Gewichtung von Propriozeption und Berührung gegenüber widersprüchlichen räumlichen Hinweisen.
Auch die Hirnrinde reorganisiert sich. Teile des Okzipitallappens, die bei Sehenden hauptsächlich visuelle Informationen verarbeiten, können bei angeborener Blindheit Aufgaben mit Berührung, Sprache, Rhythmus und räumlichem Hören übernehmen. Bemerkenswert ist, dass ein normalerweise auf Körperformen spezialisiertes Gebiet auch bei angeboren Blinden auf menschliche Körperformen reagiert, wenn diese durch systematisch übersetzte Klangmuster vermittelt werden. Das spricht dafür, dass manche Hirnregionen eher nach Aufgabe als nach Sinneskanal organisiert sind: „Körperform erkennen“ statt zwingend „Körper sehen“.
Es gibt sogar Hinweise auf stärkere Interozeption: Blinde Versuchspersonen erkannten in Studien ihren eigenen Herzschlag genauer; die Leistung hing innerhalb der blinden Gruppe mit strukturellen Eigenschaften des Okzipitalkortex zusammen. Das ist interessant, aber noch kein Beweis für ein generell intensiveres inneres Körpergefühl – Herzschlagtests sind methodisch nicht unumstritten.
Die präziseste Zusammenfassung wäre daher:
Das Gehirn ersetzt das fehlende visuelle Körperbild nicht eins zu eins. Es konstruiert ein anders gewichtetes, stärker taktil-propriozeptives Körperselbst und verwendet dafür teilweise auch kortikale Ressourcen, die bei Sehenden vom Sehen beansprucht werden.
Philosophisch interessant daran ist: Das elementare Gefühl „Dieser Körper bin ich“ scheint keine innere Fotografie zu benötigen. Es entsteht primär aus der fortlaufenden Übereinstimmung von Bewegung, Berührung und innerem Zustand. Sehen ergänzt und kalibriert dieses Modell – kann es aber, wie die Gummihandillusion zeigt, zugleich leichter täuschen."
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